Selbstfürsorge bei Neurodivergenz

Warum sie so schwer, aber unverzichtbar ist

„Du musst einfach besser auf dich achten.“

Kaum ein Satz erzeugt bei neurodivergenten Menschen so viel Frustration. Denn oft wurde bereits alles versucht: Routinen, Planer, Apps, Morgenrituale, Selbstoptimierungsstrategien. Und trotzdem endet es regelmäßig in Erschöpfung, Overload oder Burnout.

Dieser Beitrag klärt:

  • Was Selbstfürsorge wirklich ist (jenseits von Wellness-Klischees)
  • Warum sie bei Autismus und ADHS besonders komplex ist
  • Warum sie sich oft falsch oder „egoistisch“ anfühlt
  • Wie sie unter realistischen Bedingungen gelingen kann
  • Und warum Selbstfürsorge besonders für neurodivergente Menschen keine Option, sondern eine Notwendigkeit ist.
Selbstfürsorge bei Neurodivergenz (Autismus und ADHS) – Illustration einer Frau zwischen Reizen, Gedanken und Alltag mit Fokus auf Selbstregulation

1. Was ist eigentlich Selbstfürsorge?

In der psychologischen Forschung bezeichnet Selbstfürsorge (self-care) keine Luxusaktivitäten, sondern einen regulatorischen Prozess. Gemeint ist die Fähigkeit, eigene körperliche, emotionale und kognitive Ressourcen wahrzunehmen, zu schützen und wiederherzustellen.

Selbstfürsorge umfasst unter anderem:

  • Grundbedürfnisse sichern (Schlaf, Nahrung, Erholung)
  • Stress regulieren
  • Emotionen verarbeiten
  • Reizbelastung managen
  • Grenzen setzen
  • Selbstmitgefühl entwickeln
  • Überforderung erkennen und gegensteuern

Sie ist damit eng verwandt mit Emotionsregulation (Gross, 1998), Stress- und Coping-Modellen (Lazarus & Folkman, 1984), der Salutogenese (Antonovsky, 1979) und dem Konzept Selbstmitgefühl (Neff, 2003). Selbstfürsorge wird im Alltag oft auf Konsum oder Entspannung reduziert. In Wirklichkeit geht es um etwas Grundlegenderes: die Fähigkeit, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, bevor sie überschritten werden.

Wichtig: Selbstfürsorge ist keine Selbstoptimierung.
Sie dient nicht der Leistungssteigerung, sondern der Stabilisierung.

 

 

2. Warum Selbstfürsorge für neurodivergente Menschen besonders schwer ist

Viele klassische Selbsthilfe-Ratgeber ignorieren die entscheidenden neurobiologischen Realitäten von Autismus und ADHS und sind deshalb häufig nicht nachhaltig hilfreich.

2.1 „Ich merke erst, dass ich überfordert bin, wenn es zu spät ist.“

Viele autistische Menschen berichten von erschwerter Interozeption1 – also der Wahrnehmung innerer Körperzustände. Hunger, Erschöpfung oder Stress werden verspätet bemerkt. Selbstfürsorge scheitert hier möglicherweise schon an der Wahrnehmungsschwelle. Wenn Überlastung erst im Shutdown oder Meltdown sichtbar wird, fehlt das Zeitfenster für präventive Regulation.

2.2 Exekutive Dysfunktionen

Selbstfürsorge verlangt Zeitgefühl, Planung, Priorisierung, Initiierung von Handlungen, Aufbau und Einhaltung von Routinen, Unterbrechung von Hyperfokus und Moduswechsel. Gerade diese Funktionen sind bei ADHS und teilweise auch bei Autismus beeinträchtigt. Das Problem ist nicht „Disziplin“, sondern exekutive Neurodivergenz. Selbstfürsorge-Ratschläge wie „Mach dir einfach feste Routinen“ können deshalb beschämend wirken.

2.3 Masking und chronische Überanpassung

Spät diagnostizierte autistische Frauen haben häufig jahrelang maskiert – also soziale Erwartungen bewusst oder unbewusst kompensiert. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Masking und Erschöpfung, Depressivität, Identitätsunsicherheit und Suizidalität2. Selbstfürsorge kollidiert hier mit einem tief verankerten Wunsch nach Anpassung und einem Modus, der die eigenen Bedürfnisse ganz weit in den Hintergrund rückt. Pause fühlt sich dann nicht wie Fürsorge an, sondern wie Kontrollverlust.

2.4 Internalisiertes Leistungsdenken

Viele neurodivergente Menschen (nicht nur die, auch Neurotypos machen das gerne) definieren sich stark über Funktionalität:

„Ich darf nicht zu viel sein.“

„Ich muss mich zusammenreißen.“

„Andere schaffen das doch auch.“

Selbstfürsorge kann sich daher egoistisch oder schwach anfühlen, wie versagen, zu sensibel sein oder sich „eine Sonderrolle“ herauszunehmen. Das ist natürlich rein rational betrachtet Quatsch, sie ist eine neurobiologische Notwendigkeit.

3. Warum Selbstfürsorge für neurodivergente Menschen besonders wichtig ist

Dass Selbstfürsorge für viele neurodivergente Menschen schwer umzusetzen ist, bedeutet nicht, dass sie weniger relevant wäre. Eher im Gegenteil.

Gerade weil autistische und ADHS-neurodivergente Nervensysteme oft sensibler auf Stress, Reizüberflutung und soziale Anpassungsanforderungen reagieren, ist die verfügbare Energie häufig begrenzter und schneller erschöpft.

Ohne ausreichende Möglichkeiten zur Regulation kann sich Belastung über längere Zeit ansammeln. Das führt nicht nur zu kurzfristiger Erschöpfung, sondern kann die grundlegende Funktionsfähigkeit im Alltag beeinträchtigen.

Selbstfürsorge ist hier deshalb keine Frage von Wohlbefinden, sondern eine Voraussetzung für Stabilität.

3.1 Schutz vor Autistischem Burnout

Autistic Burnout beschreibt einen Zustand tiefer Erschöpfung mit Funktionsverlust, erhöhter sensorischer Empfindlichkeit, verminderter Belastbarkeit und sozialem Rückzug3. Einen ausführlichen Artikel zum autistischen Burnout kannst du hier lesen.

Selbstfürsorge wirkt hier einerseits als Präventivmaßnahme und kann einen Burnout verhindern. Andererseits ist sie zwingend notwendig, um dem Nervensystem Gelegenheit zu geben, sich zu erholen und wieder aus dem Burnout rauszukommen. 

3.2 Stressreaktivität und Nervensystem

Viele autistische und ADHS-neurodivergente Menschen reagieren stärker auf Reize und benötigen mehr Energie für alltägliche Anforderungen. Gleichzeitig dauert es oft länger, bis sich das Nervensystem nach Belastung wieder reguliert.

Das bedeutet: Belastung baut sich schneller auf und wird langsamer abgebaut4. Wenn dieser Kreislauf über längere Zeit bestehen bleibt, entsteht eine zunehmende Gesamtbelastung. Selbstfürsorge wirkt hier nicht als „Ausgleich“, sondern als notwendiger Bestandteil von Regulation.

3.3 Selbstfürsorge im Kontext von Identität

Nach einer späten Diagnose beginnen viele Menschen, sich selbst neu zu verstehen. Verhaltensweisen, die lange als persönliche Schwäche interpretiert wurden, bekommen einen anderen Kontext. Bedürfnisse, die bisher unterdrückt wurden, werden sichtbarer. Selbstfürsorge kann in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen. Sie ermöglicht, sich selbst ernster zu nehmen, Grenzen klarer wahrzunehmen und sich schrittweise von dauerhafter Überanpassung zu lösen. In diesem Sinne ist Selbstfürsorge nicht nur Regulation, sondern auch Teil eines Identitätsprozesses.

 

Wenn Selbstfürsorge fehlt, zeigt sich das oft nicht sofort, sondern erst, wenn Belastung sich über längere Zeit aufgebaut hat.

4. Warum Pausen sich oft falsch anfühlen

Vielleicht kennst du das: Du merkst eigentlich, dass du erschöpft bist … und machst trotzdem weiter.

Nicht unbedingt, weil du willst. Sondern weil Aufhören sich in dem Moment nicht wirklich besser anfühlt.

Für viele neurodivergente Menschen ist das ein wiederkehrendes Muster. Und es hat in der Regel nichts mit mangelnder Selbstfürsorge oder „falschen Prioritäten“ zu tun, sondern damit, wie das eigene Nervensystem auf Belastung, Reize und Übergänge reagiert.

Pausen sind kein „neutraler Zustand“

Oft bekommen wir vermittelt, als wäre Pause machen die einfachste Sache der Welt. In der Praxis ist es aber ein aktiver Prozess. Du musst dafür:

  1. eine Tätigkeit unterbrechen,
  2. deine Aufmerksamkeit umlenken,
  3. mit einem veränderten Reizzustand klarkommen
    und
  4. dein Nervensystem runterregulieren.

Gerade dieser Wechsel ist für viele der schwierige Teil, nicht die Pause an sich.

Wenn das Nervensystem nicht mitzieht

Bei Überlastung passiert häufig etwas, das sich widersprüchlich anfühlt. Der Körper ist erschöpft, aber innerlich bleibt eine gewisse Aktivierung bestehen.

Das kann sich so zeigen:

  • innere Unruhe
  • das Gefühl, noch nicht aufhören zu können
  • Gedankenkreisen
  • der Impuls, „nur noch schnell etwas fertig zu machen“

In diesem Zustand fühlt sich eine Pause oft nicht automatisch erholsam an. Manchmal wirkt sie sogar unangenehmer als weiterzumachen, weil die innere Aktivierung ohne Aufgabe deutlicher spürbar wird.

ADHS: Warum Aufhören schwerer sein kann als Weitermachen

Bei ADHS spielt unter anderem die Regulation von Dopamin eine Rolle. Tätigkeiten, die interessant sind oder unter Druck stattfinden, liefern kurzfristig Stimulation. Auch Dinge abschließen gibt uns einen kurzen Dopaminboost (deshalb mögen wir es, To-Do-Listen abzuhaken).

 

Wenn du aufhörst, Dinge zu erledigen, fällt diese Stimulation weg, das heißt dein Gehirn gerät in eine Unterstimulation. Das kann dazu führen, dass sich Pause leer, unruhig oder unangenehm anfühlt. Gleichzeitig kann der Gedanke, später nicht mehr in die Aufgabe zurückzufinden, eine Pause blockieren. Das führt dazu, dass „noch kurz weitermachen“ sich in dem Moment sinnvoller anfühlt als eine Unterbrechung.

Autismus: Warum Unterbrechen zusätzliche Energie kostet

Viele autistische Menschen erleben Übergänge zwischen Tätigkeiten als besonders anstrengend. Eine Aufgabe zu unterbrechen kostet Energie. Eine neue Tätigkeit zu beginnen ebenfalls. Auch eine Pause ist in diesem Sinne ein Zustandswechsel.

 

Das bedeutet, dass nicht nur die Belastung durch die Aufgabe eine Rolle spielt, sondern auch die zusätzliche Energie, die für den Wechsel benötigt wird. In der Praxis kann es sich deshalb leichter anfühlen, weiterzumachen, selbst wenn die Erschöpfung bereits groß ist.

Wenn Anpassung stärker ist als Erschöpfung

Gerade bei Menschen, die lange maskiert haben, kommt oft ein weiterer Faktor dazu.

Es gibt einen sehr stabilen inneren Impuls, weiterzufunktionieren. Dinge fertig zu machen, Erwartungen zu erfüllen, nicht negativ aufzufallen. Typische Gedanken sind zum Beispiel:

„Ich muss das noch fertig machen“
„Ich kann jetzt nicht einfach aufhören“
„Andere verlassen sich auf mich“

Dieser Anpassungsmodus kann so stark sein, dass körperliche Signale zwar wahrgenommen werden, aber nicht handlungsleitend sind.

Warum „einfach Pause machen“ oft nicht funktioniert

Wenn all diese Faktoren zusammenkommen, wird verständlich, warum der gut gemeinte Rat „Dann mach doch einfach eine Pause“ häufig nicht umsetzbar ist. Es wirken mehrere Prozesse gleichzeitig:

  • Bedürfnisse werden spät wahrgenommen
  • das Nervensystem bleibt aktiviert
  • Übergänge kosten zusätzliche Energie
  • Pause fühlt sich unterstimulierend oder unangenehm an
  • Anpassungsmuster verhindern Unterbrechung

Das Problem ist also nicht fehlendes Wissen oder mangelnder Wille. Die Bedingungen sind einfach nicht so, dass Pause leicht zugänglich ist.

Ein hilfreicher Perspektivwechsel

Statt dich zu fragen, warum es dir nicht gelingt, Pause zu machen, kann eine andere Frage hilfreicher sein:

Was genau macht es für mich in diesem Moment schwer, aufzuhören?

Diese Verschiebung verändert den Fokus. Weg von Selbstkritik und hin zu Verständnis für die eigenen Reaktionen. Und genau dort beginnt oft der erste Schritt in Richtung Selbstfürsorge.

5. Selbstfürsorge vs. die Angst, egoistisch zu sein

Viele neurodivergente Menschen erleben einen inneren Konflikt, sobald sie beginnen, stärker auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Wenn ich jetzt mehr auf mich achte, bin ich dann vielleicht egoistisch!? Selbstfürsorge fühlt sich dann schnell egoistisch an – als würde man anderen etwas wegnehmen, wenn man sich selbst Raum gibt. Dieses Gefühl entsteht selten aus tatsächlichem Egoismus. Häufig beruht es auf tief verankerten Erfahrungen aus der eigenen Biografie.

 

Viele autistische und ADHS-neurodivergente Menschen haben früh gelernt, dass ihre Bedürfnisse problematisch sind: zu sensibel, zu intensiv, zu kompliziert oder zu anstrengend.

Selbstfürsorge bei Neurodivergenz kann sich wie Egoismus anfühlen.

Die Folge ist oft ein hoher innerer Anpassungsdruck. Man versucht, möglichst wenig Raum einzunehmen, Erwartungen zu erfüllen und Konflikte zu vermeiden. Über die Zeit kann daraus eine grundlegende Überzeugung entstehen: Die Bedürfnisse anderer sind wichtiger als meine eigenen.

 

Wenn Selbstfürsorge diesem Muster widerspricht, fühlt sie sich zunächst falsch an. Nicht weil sie tatsächlich egoistisch wäre, sondern weil sie ein gelerntes Verhalten infrage stellt.

 

Hinzu kommt ein bei Autismus (neurologisch bedingtes) verbreitetes Schwarz-Weiß-Denken: Entweder man kümmert sich vollständig um andere – oder man wird egoistisch. In diesem Denkrahmen gibt es keinen Platz für eine Balance zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen. Tatsächlich liegt gesunde Fürsorge genau zwischen diesen Extremen. Egoismus ignoriert dauerhaft die Bedürfnisse anderer. Selbstaufgabe ignoriert dauerhaft die eigenen. Selbstfürsorge bedeutet, beide ernst zu nehmen.

 

Für viele neurodivergente Menschen wird dieser Konflikt zusätzlich durch Masking verstärkt. Wer lange gelernt hat, soziale Erwartungen zu beobachten, zu erfüllen und eigene Überlastung zu übergehen, entwickelt oft ein starkes Verantwortungsgefühl für das Wohl anderer. Pausen, Grenzen oder Rückzug können sich dann wie ein Regelbruch anfühlen.

 

Selbstfürsorge ist jedoch keine moralische Frage, sondern eine Frage der Regulation. Jedes Nervensystem braucht Erholung, Reizreduktion und Energieausgleich. Werden diese Bedürfnisse dauerhaft ignoriert, entsteht chronische Überlastung – mit Folgen wie Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug oder Burnout.

 

Selbstfürsorge bedeutet deshalb nicht, sich über andere zu stellen. Sie bedeutet, das eigene Nervensystem ernst zu nehmen und die eigenen Grenzen nicht dauerhaft zu übergehen. Selbstfürsorge ist nicht egoistisch. Selbstfürsorge verhindert, dass man sich selbst verliert.

6. Wie Selbstfürsorge bei Neurodivergenz gelingen kann

Wenn Selbstfürsorge bisher nicht so richtig erfolgreich umgesetzt werden konnte, liegt das oft nicht am fehlenden Bemühen, sondern daran, dass die Strategien nicht zu den eigenen Voraussetzungen passen.

Viele klassische Ansätze gehen davon aus, dass Bedürfnisse zuverlässig wahrgenommen werden, dass Pausen sich automatisch erholsam anfühlen und dass Routinen relativ stabil aufgebaut werden können. Für viele neurodivergente Menschen trifft genau das nicht zu. Selbstfürsorge muss deshalb nicht konsequenter, sondern passender werden. Weniger ideal, mehr realistisch. Weniger Druck, mehr Unterstützung. Die folgenden Ansätze setzen an diesen wichtigen Punkten an.

6.1 Bedürfniswahrnehmung unterstützen statt voraussetzen

Wenn Bedürfnisse erst spät oder unsicher wahrgenommen werden, hilft es, sich nicht ausschließlich darauf zu verlassen.

Statt zu warten, bis der Körper deutlich reagiert, können äußere Strukturen unterstützen. Dazu gehören zum Beispiel feste Essenszeiten unabhängig vom Hungergefühl oder regelmäßige kurze Check-ins zur eigenen Energie, Reizbelastung oder Anspannung. Auch einfache visuelle Skalen oder Erinnerungen für Pausen können hilfreich sein, selbst wenn sich diese in dem Moment nicht dringend anfühlen.

Selbstfürsorge beginnt hier nicht mit Intuition, sondern mit Struktur.

6.2 Pausen als Übergang gestalten

Wenn Aufhören schwerfällt, hilft es oft nicht, eine klare Grenze zu setzen. Sinnvoller ist es, den Übergang bewusst zu gestalten.

Das kann bedeuten, eine Tätigkeit nicht abrupt zu beenden, sondern langsam auslaufen zu lassen oder eine Pause bewusst kurz und überschaubar zu halten. Viele profitieren auch davon, die Pause mit einer einfachen, klaren Handlung zu verbinden, etwa sich hinzusetzen, etwas zu trinken oder kurz die Augen zu schließen. Pausen werden umsetzbarer, wenn das Gehirn eine konkrete Vorstellung davon hat, was genau in diesen Pausen passieren soll. Wichtig ist außerdem, den Wiedereinstieg möglichst niedrigschwellig zu halten.

6.3 Reizmanagement als Selbstfürsorge verstehen

Für viele neurodivergente Menschen ist Reizbelastung einer der zentralen Stressfaktoren und Energiefresser im Alltag.

Selbstfürsorge kann deshalb sehr konkret an den Reizen ansetzen. Geräusche reduzieren, Licht anpassen, bewusst Reizpausen einplanen oder soziale Kontakte dosieren sind keine „Extras“, sondern notwendige Formen von Regulation. Auch eine reizärmere Struktur im Alltag kann einen großen Unterschied machen.

Das hat nichts mit Schwäche oder „sich anstellen“ zu tun, sondern mit einem nachhaltigen Umgang mit dem eigenen Nervensystem.

6.4 Exekutive Hürden berücksichtigen

Selbstfürsorge scheitert oft nicht am Wissen, sondern an der Umsetzung. Deshalb ist es sinnvoll, Hürden möglichst niedrig zu halten. Weniger Entscheidungen, vorbereitete Optionen und einfache visuelle Strukturen können helfen, ins Handeln zu kommen. Gleichzeitig kann es entlastend sein, den eigenen Anspruch bewusst zu reduzieren.

 

Ein hilfreiches Konzept ist hier die „Minimum viable self-care“. Gemeint ist die kleinstmögliche Form von Selbstfürsorge, die auch an schwierigen Tagen noch umsetzbar ist. Das kann etwas sehr Kleines sein, wie zum Beispiel ein Glas Wasser trinken, kurz aufstehen oder einen Reiz reduzieren. Entscheidend ist nicht die Größe der Maßnahme, sondern ihre Machbarkeit. 

 

Selbstfürsorge muss auch nicht immer alleine stattfinden. Für manche gehört auch dazu, Unterstützung anzunehmen, Bedürfnisse mitzuteilen oder sich in sicheren Beziehungen ko-regulieren zu lassen.

 

6.5 Selbstmitgefühl als Grundlage

Viele neurodivergente Menschen haben einen sehr lauten inneren Kritiker entwickelt, besonders dann, wenn Dinge nicht wie geplant funktionieren. Selbstmitgefühl bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, alles gut zu finden, was man so macht. Es bedeutet, die eigenen Bedingungen ernst zu nehmen. Dazu gehört, Bedürfnisse anzuerkennen, auch wenn sie unpraktisch sind, Grenzen nicht ständig infrage zu stellen und Fehler nicht sofort als persönliches Versagen zu bewerten.

 

Hilfreich kann in diesem Kontext die Frage sein, wie man in der gleichen Situation mit einer nahestehenden Person sprechen würde. Oft ist der Maßstab an sich selbst deutlich strenger als an alle anderen Menschen (warum überhaupt??).

 

Selbstfürsorge ohne Selbstmitgefühl wird schnell zu einem weiteren Optimierungsprojekt. Mit Selbstmitgefühl kann sie entlastend wirken.

6.6 Weniger „richtig machen“, mehr passend machen

Vielleicht ist der entscheidende Perspektivwechsel folgender: Nicht: Wie mache ich Selbstfürsorge richtig?
Sondern: Was funktioniert für mich unter meinen Bedingungen?

Selbstfürsorge ist kein festes System. Sie ist etwas, das sich anpassen darf. Und genau darin liegt oft der Unterschied zwischen etwas, das man „eigentlich machen sollte“, und etwas, das im Alltag tatsächlich trägt.

6.7 Warum Wissen allein oft nicht reicht

Viele von uns wissen sehr genau, was ihnen guttun würde. Für manche bedeutet sie Rückzug, für andere Struktur, Reizreduktion, Bewegung, Ko-Regulation oder Unterstützung von außen. Das Problem ist selten fehlendes Wissen, sondern eher Überforderung, Anpassungsdruck, Entscheidungsparalyse, exekutive Hürden und fehlende Struktur. Selbstfürsorge scheitert deshalb oft nicht am Wollen, sondern daran, dass der Weg von „wissen“ zu „umsetzen“ zu groß ist.

 

Entscheidend ist dann nicht die Frage, wie man alles richtig macht, sondern was unter den eigenen Bedingungen tatsächlich machbar ist. Wo verliere ich gerade Energie? Was wäre heute ein realistischer Schritt? Was darf einfacher werden?

Manchmal braucht es dafür nicht noch mehr Wissen, sondern eher Orientierung, konkrete Impulse oder weniger Entscheidungen im Alltag.

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Quellen und weiterführende Literatur


  1. Garfinkel, S. N., Tiley, C., O’Keeffe, S., Harrison, N. A., Seth, A. K., & Critchley, H. D. (2016). Discrepancies between dimensions of interoception in autism: Implications for emotion and anxiety. Biological Psychology, 114, 117–126. DOI: 10.1016/j.biopsycho.2015.12.003 ↩︎
  2. Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., & Mandy, W. (2017). “Putting on my best normal”: Social camouflaging in adults with autism spectrum conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534. DOI: 10.1007/s10803-017-3166-5 ↩︎
  3. Raymaker, D. M., Teo, A. R., Steckler, N. A., Lentz, B., Scharer, M., Delos Santos, A., Kapp, S. K., Hunter, M., Joyce, A., & Nicolaidis, C. (2020). “Having all of your internal resources exhausted beyond measure and being left with no clean-up crew”: Defining autistic burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143. DOI: 10.1089/aut.2019.0079 ↩︎
  4. Corbett, B. A., Schupp, C. W., Simon, D., Ryan, N., & Mendoza, S. (2010). Elevated cortisol during play is associated with age and social engagement in children with autism. Molecular Autism, 1, Article 13. DOI: 10.1186/2040-2392-1-13 ↩︎

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