Autistische Stärken: Zwischen Stereotypien, Wissenschaft und Selbstwahrnehmung

Was sind eigentlich deine Stärken? Was kannst du richtig gut? Wofür schätzt man dich?

 

Wenn du diese Fragen überfordernd findest, gleichzeitig aber sofort 20 Schwächen und Defizite von dir aufzählen kannst, teilst du dies mit vielen anderen autistischen Menschen. Der folgende Beitrag ist für dich und all die Menschen, die ihr eigenen Stärken nicht so richtig sehen können.

1. Warum wir über Stärken sprechen müssen

Autismus wird in der öffentlichen und medizinischen Diskussion oft einseitig als „Störung“ beschrieben. Im Fokus stehen dabei Symptome, Defizite und Anpassungsschwierigkeiten. Dabei wird die Perspektive auf Potenziale, Ressourcen und Stärken autistischer Menschen häufig völlig außer Acht gelassen. Diese einseitige Betrachtung wirkt sich nicht nur auf gesellschaftliche Vorstellungen aus, sondern auch direkt auf das Selbstbild vieler Autist:innen. Wer ständig mit seinen „Defiziten“ konfrontiert wird, entwickelt selten ein Gespür für eigene Kompetenzen. Doch gerade das Wissen um die eigenen Stärken sind zentral für Identität, Selbstwirksamkeit und Teilhabe. Ziel dieses Beitrags ist es, wissenschaftlich fundiert und differenziert zu zeigen: Autistische Menschen verfügen über vielfältige Stärken, die für sie selbst wie auch für Gesellschaft und Arbeitswelt wertvoll sind.

Aquarellbild: Eine stilisierte Waage, links Symbole für Herausforderungen bei Autismus (Maske, Sanduhr), rechts Symbole für autistische Stärken (Kristall, Glühbirne, Pflanze)

2. Was sind eigentlich "Stärken" und wer definiert sie?

Zu dem Begriff „Stärke“ hast du vermutlich intuitiv eine Vorstellung, was gemeint ist; tatsächlich ist das Konstrukt aber ein bisschen komplex. In der Psychologie versteht man darunter Eigenschaften, Fähigkeiten oder Einstellungen, die einer Person helfen, Herausforderungen zu meistern, Ziele zu erreichen oder zum Wohlergehen anderer beizutragen.

Doch was als „Stärke“ gilt, ist immer kontextabhängig: Eine ausgeprägte Reizoffenheit kann in einem ruhigen kreativen Setting bereichernd sein und in einer lauten Großstadt überfordernd. Auch kulturelle und soziale Normen beeinflussen, was als stärkend oder „wertvoll“ wahrgenommen wird. In einer wettbewerbsorientierten Leistungsgesellschaft gelten Schnelligkeit und Multitasking als Stärken, während Gründlichkeit oder monothematischer Fokus oft abgewertet werden. Damit wollen wir sagen: Es gibt keine objektive Liste von Stärken, die universell gilt. Entscheidend ist, ob eine Eigenschaft im jeweiligen Kontext zur Geltung kommen kann und als bereichernd erlebt wird.

3. Was sagt die Forschung über autistische Stärken?

Die wissenschaftliche Literatur zu Stärken im Autismus-Spektrum hat in den letzten Jahren zugenommen. Große Überraschung (nicht wirklich, wir können uns hier einen Funken Sarkasmus nicht sparen): Autistinnen und Autisten sind gar nicht in allem schlecht, wir können einige Dinge sogar viel besser, als allistische Personen. Wer hätte es gedacht?   Während ältere Arbeiten Autismus primär defizitorientiert betrachteten, rücken neuere Studien zunehmend auch positive Eigenschaften in den Fokus1. Dabei ist wichtig zu betonen: Nicht alle Autist:innen zeigen alle dieselben Stärken,  aber viele berichten von charakteristischen Potenzialen, die in neurotypisch dominierten Kontexten oft übersehen werden.

3.1 Kognitive Stärken

Autistische Menschen zeigen häufig besondere Fähigkeiten in:
    • Detailverarbeitung: Hohe Genauigkeit in Aufgaben mit visuellen oder numerischen Details. Diese Detailorientierung ermöglicht es, Fehler zu entdecken, Muster zu erkennen oder komplexe Informationen systematisch zu erfassen2 ..
    • Systemdenken: Verstehen komplexer, regelbasierter Systeme. Diese Fähigkeit kann in Bereichen wie IT, Technik, Linguistik oder Mathematik besonders wertvoll sein.
    • Gedächtnis: Autistische Menschen berichten über ein besonders gutes Fakten- oder visuelles Gedächtnis. Studien zeigen erhöhtes Arbeits- oder Langzeitgedächtnis bei bestimmten Aufgaben3.
    • Mustererkennung: Autistische Personen zeigen oft eine herausragende Fähigkeit, in scheinbar chaotischen Informationen Regelmäßigkeiten zu entdecken2. Diese Kompetenz ist eng verknüpft mit visueller Intelligenz, kognitiver Strukturierung und Kreativität.
    • Analytisches Denken & logische Konsistenz: Autistische Menschen denken oft strukturiert, folgen logischen Abläufen und erkennen Widersprüche in Argumentationen oder Systemen. Das ist in vielen Berufen (IT, Wissenschaft, Verwaltung) eine wertvolle Fähigkeit.
    • Kreativität & originelle Ideen: Auch wenn das Klischee „Autismus = Technik“ dominiert, sind viele Autist:innen hochkreativ: Sie denken außerhalb normativer Boxen, kombinieren Themen ungewöhnlich oder entwickeln eigene ästhetische Ausdrucksformen3.

3.2 Wahrnehmung & Aufmerksamkeit

  • Sensorische Sensitivität: Viele Autist:innen haben eine erhöhte sensorische Wahrnehmung. Sie nehmen Klangnuancen, Lichtveränderungen oder Bewegungen intensiver wahr (lies hierzu unseren Reizverarbeitungsbeitrag!). Was als „Überempfindlichkeit“ beschrieben wird, kann auch zu besonderen Fähigkeiten in Kunst, Musik oder Naturbeobachtung führen.
  • Fokus/Hyperfokus: Die Fähigkeit, sich stundenlang auf eine Aufgabe zu konzentrieren, ist für viele autistische Menschen zentral3. Dieser „Hyperfokus“ wird oft pathologisiert, ist aber in passenden Kontexten eine beachtliche Ressource und kann zu hoher Produktivität führen.
  • Tiefe Naturverbundenheit: In Erfahrungsberichten zeigen viele autistische Menschen eine besonders feine Wahrnehmung für Naturphänomene, Tiere, Pflanzen, häufig verbunden mit intensiver emotionaler Resonanz oder ökologischer Ethik.
  • Feinfühligkeit für Nuancen: In Musik, Sprache oder Design erkennen autistische Menschen oft kleinste Unterschiede und Schattierungen, die anderen entgehen.

3.3 Charakterliche & soziale Stärken

Studien wie zeigen, dass autistische Erwachsene besonders häufig folgende Charakterstärken aufweisen:
  • Ehrlichkeit & Authentizität: Autistische Menschen sagen, was sie denken, und zeigen, wer sie sind, ohne taktisches Kalkül5. Diese Geradlinigkeit wird in vielen Kulturen mit missverstanden, ist aber ein Ausdruck von hoher Integrität.
  • Fairness & Gerechtigkeitssinn: Viele Autist:innen reagieren stark auf Ungleichbehandlung und setzen sich für Gerechtigkeit ein5. Diese moralische Klarheit ist in sozialen Bewegungen ein oft unterschätzter Beitrag.
  • Liebe zum Lernen: Neugierde und Interesse führen zu tiefem Wissen5. Die Freude am Wissenserwerb geht oft weit über schulische oder berufliche Anforderungen hinaus und ermöglicht Expertentum in unzähligen Interessensgebieten.
  • Freundlichkeit & Loyalität: Auch wenn Small Talk schwerfallen kann, sind viele Autist:innen in engen Beziehungen besonders loyal, empathisch und aufmerksam.
  • Konsequente Werteorientierung: Autistische Menschen neigen dazu, ihren moralischen Überzeugungen treu zu bleiben – auch wenn das unbequem oder unpopulär ist. Sie verhalten sich oft prinzipienbasiert statt situationselastisch, was zu hoher Integrität führt.
  • Verlässlichkeit & Vorhersehbarkeit: Viele autistische Personen legen großen Wert auf Struktur, Klarheit und Pünktlichkeit und sind daher sehr zuverlässig, halten Absprachen ein und übernehmen Verantwortung mit Ernsthaftigkeit.
  • Metakognition & Selbstreflexion: Gerade autistische Frauen berichten oft von intensiver Selbstbeobachtung und mentaler Verarbeitung sozialer Situationen. Auch wenn das anstrengend ist, kann es langfristig zu hoher Selbsterkenntnis führen.
  • Fähigkeit zur stillen Präsenz: Autistische Menschen müssen nicht ständig „performen“. Viele bringen eine ruhige, beobachtende Gelassenheit mit, die in Teams, Beziehungen oder Gruppen eine wertvolle Qualität darstellt, gerade im Gegensatz zu Lautstärke- und Extraversionserwartungen.

3.4 Spezialinteressen & Expertise

  • Spezialinteressen. Diese Interessen sind nicht oberflächlich oder flüchtig, sondern Ausdruck tiefer kognitiver und emotionaler Verbundenheit mit einem Thema. Studien zeigen, dass autistische Personen in ihren Interessengebieten häufig überdurchschnittlich kompetent sind. Wichtig: Diese Interessen sind nicht zwangsläufig „nützlich“ im kapitalistischen Sinne, können aber Identität, Lebensfreude und berufliche Perspektiven massiv stärken4.
  • Perfektionismus im positiven Sinn: Wenn eine Aufgabe „Sinn ergibt“ oder intrinsisch motiviert ist, arbeiten viele Autist:innen mit großer Genauigkeit, Beharrlichkeit und hohem Qualitätsanspruch und Blick für’s Detail.

4. Warum viele ihre Stärken nicht sehen können

Gut möglich, dass du dich in den oben aufgezählten Stärken hier und dort wiederfindest und du mit deiner Mustererkennung, deinem großen Gerechtigkeitssinn oder deiner Fähigkeit, schon am Motorgeräusch zu erkennen, was genau am Auto kaputt ist, den allermeisten allistischen Personen haushoch überlegen bist. Und trotzdem fühlst du dich irgendwie nicht stark, fähig, wertvoll, oder? Das ist kein Zufall. Trotz objektiver Stärken berichten viele autistische Menschen, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre positiven Eigenschaften zu erkennen. Warum ist das so?
  • Masking und soziale Anpassung: Viele Autist:innen lernen früh, ihre natürlichen Impulse zu unterdrücken, um „nicht negativ aufzufallen“ (lies hierzu unseren Masking Beitrag). Diese chronische Maskierung führt dazu, dass auch positive Eigenschaften kaum noch bewusst wahrgenommen werden – vom Umfeld und von der Person selbst. Teilweise werden sie sogar aktiv versteckt, um zum Beispiel in der Schule nicht als „Streber“ aufzufallen.
  • Internalisierte Kritik: Wenn Feedback vor allem auf „Schwächen“ fokussiert, führt das zu einem verzerrten Selbstbild. Viele Erwachsene berichten, dass sie jahrzehntelang dachten, sie seien einfach „komisch“ oder „nicht belastbar“ – ohne je zu verstehen, dass ihr Verhalten Ausdruck neurodivergenter Prozesse ist. Kaum eine autistische Person hört regelmäßig vom Umfeld, dass sie in bestimmten Dingen tatsächlich besser ist, als die anderen. Es werden immer nur wieder und wieder die vermeintlichen Defizite aufgezeigt.
  • Stigmatisierung und Defizitdiagnostik: Diagnosen, die vorrangig Symptome erfassen, übermitteln oft unterschwellig die Botschaft: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Diese Botschaft beeinflusst das Selbstkonzept massiv und kann dazu führen, dass eigene Ressourcen nicht erkannt oder entwertet werden.
Am Ende ist das Selbstbild, welches sich zu einem großen Teil aus den Erfahrungen mit und Rückmeldungen von anderen Menschen entwickelt, primär negativ. Dabei zeigen die oben genannten Beispiele, dass autistische Menschen sehr wohl über differenzierte Stärken und Talente verfügen – aber die Sichtbarkeit und das Selbstbewusstsein dafür stark vom sozialen Umfeld abhängen6.

5. Stärken sichtbar machen: Reflexion und Praxisbeispiele

Die Frage „Was kann ich gut?“ ist für viele Autist:innen ungewohnt. Sie verlangt nicht nur analytisches Denken, sondern auch emotionale Offenheit und Vertrauen. Dabei hilft die Auseinandersetzung mit alltäglichen Situationen:

Wann vergesse ich die Zeit, weil ich so konzentriert bin? Solche Flow-Zustände deuten auf intrinsische Motivation und kognitive Stärken hin.

Wofür fragen mich andere um Rat? Oft erkennen wir unsere Kompetenzen leichter im Spiegel sozialer Interaktionen.

Welche Details fallen mir auf, die andere übersehen? Das bewusste Wahrnehmen von Mustern, Abweichungen oder Strukturen ist eine Kernressource.

Was interessiert mich so sehr, dass ich Stunden damit verbringen kann? Interessen sind keine Nebensächlichkeit, sondern Knotenpunkte von Kompetenz, Freude und Identität.

 

Hilfreich sind auch strukturierte Tools wie Stärkenkarten oder Ressourcen-Interviews, geführte Journaling-Formate mit Fokusthemen und Peer-Gespräche mit anderen Neurodivergenten.

6. Stärkenorientierung als Empowerment

Ein stärkenorientierter Blick auf Autismus bedeutet, Autismus als neurodivergente Variante zu sehen, die eigene Kompetenzen und Perspektiven mitbringt. Dabei geht es nicht um „Superkräfte“, sondern um das Anerkennen von Vielfalt und um gerechte Teilhabe.

Stärkenorientierung heißt auch: Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen ihre Potenziale entfalten können. Das betrifft Schulen, Arbeitsplätze, medizinische Settings und private Beziehungen. Wissenschaftlich belegt ist: Wer Zugang zu seinen eigenen Stärken hat, zeigt höhere Resilienz, Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit (Proctor et al., 2011)

Stärken bei Autismus. Aquarellgemälde eines Gehirns mit muskulösen Armen, symbolisiert Kraft, Stärke und Kompetenz

Gerade für Menschen mit später Diagnose kann dieser Perspektivwechsel eine neue innere Haltung anstoßen. Statt lebenslanger Selbstzweifel entsteht die Möglichkeit, sich selbst mit neuen Augen zu sehen.

7. Fazit: Du bist mehr, als dir beigebracht wurde

Autistische Stärken sind real, auch wenn sie manchmal nicht in standardisierte Lebensläufe passen. Sie sind oft leise, kontextabhängig, nicht immer sichtbar. Doch sie existieren, und sie verdienen es, anerkannt und gefördert zu werden. Die Vielfalt innerhalb des Autismus‑Spektrums ist sehr groß: Nicht alle autistischen Menschen zeigen diese Stärken, und Stärken können je nach Kontext, Umwelt, Diagnose und Komorbiditäten stark variieren.

Unsere Aufgabe liegt nicht darin, den Autismus zu „korrigieren“ oder zu „kompensieren“, sondern im Verändern der Rahmenbedingungen, die Menschen daran hindern, ihre Stärken zu leben.

 

Wer mit Autismus lebt, trägt unglaublich wertvolle Potenziale in sich, die sich oft erst entfalten können, wenn sie wahrgenommen, wertgeschätzt und gezielt unterstützt werden.

Quellen

    1. Cope, R., Sheen, J., & Scott, M. (2022). The strengths and abilities of autistic people in practice: A systematic review. Advances in Autism, 8(4), 289–305. DOI: 10.1089/aut.2021.0037
    2. Russell, G., Kapp, S. K., Elliott, D., Elphick, C., Gwernan-Jones, R., & Owens, C. (2019). Mapping the autistic advantage from the accounts of adults diagnosed with autism: A qualitative study. Autism in Adulthood, 1(2), 124–133. DOI: 10.1089/aut.2018.0035
    3. Halder, S., Ahmed, M., & Mahmud, I. (2022). Understanding strengths and challenges of people with autism: A review. Neuropsychiatric Disease and Treatment, 18, 3195–3204. DOI: 10.1080/20473869.2022.2058781
    4. Nocon, A., Kelly, C., & Preece, D. (2022). An investigation of character strengths in autistic adults. Research in Autism Spectrum Disorders, 85, 101860. DOI: 10.1016/j.rasd.2022.102071
    5. Chow, D. W., & Cooper, K. (2024). What are the lived experiences of strengths in autistic individuals? A systematic review and thematic synthesis. Autism, Advance online publication. DOI: 10.1089/aut.2023.0172
    6. Proctor, C., Maltby, J., & Linley, P. A. (2011). Strengths use as a predictor of well-being and health-related quality of life. Journal of Happiness Studies, 12(1), 153–169. DOI: 10.1007/s10902-009-9181-2
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